Die Diagnosezahlen verdreifachen sich in einem Jahrzehnt. Und ausgerechnet die am längsten Übersehenen warten immer noch am längsten auf die richtige Antwort.
Zwischen 2015 und 2024 haben sich die AD(H)S-Erstdiagnosen bei Erwachsenen in Deutschland fast verdreifacht — von 8,6 auf 25,7 Fälle pro 10.000 Erwachsene, ein Anstieg um 199 Prozent. Das zeigt eine Auswertung bundesweiter vertragsärztlicher Abrechnungsdaten, veröffentlicht im Deutschen Ärzteblatt. Besonders scharf verlief der Anstieg seit 2021 — von 12,7 auf 25,7 Fälle pro 10.000 —, vor allem bei jüngeren Frauen. Nach Schätzung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung erfüllen etwa 2,5 Prozent der deutschen Erwachsenen, rund 1,5 Millionen Menschen, die diagnostischen Kriterien. Die überwiegende Mehrheit davon ist bis heute nicht diagnostiziert.
Zwei Zahlen, ein Widerspruch: Die Diagnosen explodieren — und trotzdem bleibt die Mehrheit der tatsächlich Betroffenen ohne Diagnose. Wer daraus eine einfache Geschichte macht — Modediagnose oder Aufklärungserfolg —, erzählt nur die halbe Wahrheit.
Genau die Untersuchung, die den Anstieg dokumentiert, weist auf etwas hin, das im öffentlichen Diskurs meist untergeht: Erstdiagnosen im Erwachsenenalter sind fast immer verzögert gestellte Diagnosen eines Zustands, der schon in der Kindheit bestand — nicht neu entstandene Fälle. Eine echte ADHS-Ersterkrankung ohne jede Symptomatik in der Kindheit gilt als seltene Ausnahme. Der Anstieg ist überwiegend ein Nachholeffekt, keine Epidemie neuer Fälle. In der öffentlichen Debatte wird er trotzdem oft als „plötzlich hat jeder ADHS" gelesen. Das ist ein Kategorienfehler.
Was den Nachholeffekt erklärt, ist historisch gewachsen. Die diagnostischen Kriterien für ADHS wurden über Jahrzehnte vor allem an hyperaktiven Jungen entwickelt und validiert. Frauen zeigen häufig ein anderes Bild: weniger Hyperaktivität, mehr innere Unruhe, Tagträumerei, Perfektionismus, ausgeprägtes Maskieren nach außen. Sie fallen seltener durch klassische Screening-Verfahren, werden häufiger zunächst mit einer Depression oder Angststörung fehldiagnostiziert — und erhalten die richtige Diagnose, wenn überhaupt, im Schnitt deutlich später als Männer. Der Anstieg bei jungen Frauen seit 2021 ist in diesem Licht kein Alarmsignal für Überdiagnose. Es ist die Korrektur eines jahrzehntelangen strukturellen blinden Flecks.
Von den 100 meistgesehenen TikTok-Videos zum Hashtag #ADHS enthielt gut die Hälfte der beschriebenen Symptome laut einer 2025 in PLOS One veröffentlichten Auswertung von Karasavva und Kollegen keine für ADHS spezifischen Merkmale. Nur 1,4 Prozent der Beiträge erwähnten überhaupt alternative Erklärungen oder Differenzialdiagnosen. In einem begleitenden Experiment mit über 800 Studierenden zeigte sich: Wer solche Inhalte konsumiert, überschätzt systematisch, wie verbreitet ADHS in der Bevölkerung tatsächlich ist — und wird in der Annahme bestärkt, selbst betroffen zu sein. Das ist kein Randphänomen. Es ist ein messbarer Effekt auf reale Diagnoseentscheidungen.
Dass Fehldiagnosen keine Erfindung des Social-Media-Zeitalters sind, zeigt eine ältere, aber einschlägige Untersuchung: In einer Fallvignetten-Studie von Bruchmüller, Margraf und Schneider aus dem Jahr 2012 vergaben 16,7 Prozent der befragten Kinder- und Jugendpsychotherapeuten eine ADHS-Diagnose in Fällen, in denen die Kriterien eindeutig nicht erfüllt waren — bei Jungen doppelt so häufig wie bei Mädchen. Die Autoren führten das auf einen heuristischen Diagnosestil zurück: Statt jedes einzelne ICD-Kriterium systematisch zu prüfen, verließen sich viele Therapeutinnen und Therapeuten auf einen schnellen Gesamteindruck — „passt zum typischen Bild" statt „erfüllt die Kriterien". Solche gedanklichen Abkürzungen sind fehleranfällig, weil sie eher dem Klischee folgen als dem Einzelfall. Das Risiko der Fehldiagnose ist also strukturell in der Diagnostik selbst angelegt, nicht erst ein Nebeneffekt von TikTok.
Wer sich 2026 in Deutschland als Erwachsener auf ADHS testen lassen will, wartet bei spezialisierten Kassenärzten und Klinikambulanzen zwischen sechs und achtzehn Monaten — die Schwerpunktambulanz der Uniklinik Frankfurt führt inzwischen gar keine Warteliste mehr, weil sie sich als nicht praktikabel erwiesen hat. Parallel ist ein Markt privater und digitaler Anbieter entstanden, die per Videosprechstunde diagnostizieren, oft mit Wartezeiten von ein bis zwei Wochen statt Monaten. Die Preise liegen zwischen rund 400 und über 900 Euro, abgerechnet nach Gebührenordnung, für gesetzlich Versicherte in den meisten Fällen als Selbstzahlerleistung.
Die Leitlinie der AWMF — der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, die in Deutschland die medizinischen Leitlinien koordiniert — definiert, was eine sorgfältige Diagnostik umfasst: ein ausführliches klinisches Gespräch, die retrospektive Erfassung von Kindheitssymptomen, standardisierte Testverfahren, eine Fremdanamnese und eine gründliche Differenzialdiagnostik, die andere Ursachen ausschließt — Schilddrüsenfunktionsstörungen, Schlafapnoe, Depression, Angststörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung, posttraumatische Belastungsstörung. In der Praxis variiert der tatsächliche Umfang erheblich: Manche Anbieter diagnostizieren in zwei Sitzungen, andere in fünfeinhalb. Es gibt keinen Biomarker, keinen Bluttest, der die Diagnose objektiviert — sie beruht auf Gespräch, Fragebogen und klinischem Urteil. Ein Markt, der auf Geschwindigkeit als Wettbewerbsvorteil setzt, hat einen strukturellen Anreiz, genau bei der Differenzialdiagnostik zu kürzen, die am meisten Zeit kostet und am wenigsten sichtbar ist, wenn sie fehlt.
Bei aller Differenzierung: An einem Punkt bin ich nicht neutral. Eine Selbstdiagnose, die aus einem TikTok-Video, einem Instagram-Reel oder einem beliebigen Online-Quiz stammt und nie durch eine leitliniengerechte Differenzialdiagnostik geprüft wurde, ist keine Diagnose. Sie ist eine Hypothese — nicht mehr. Und in der Praxis erlebe ich sie zunehmend als etwas anderes als eine ernsthafte Hypothese: als Etikett, das kognitive Minderleistung im Nachhinein rechtfertigen soll, ohne dass die eigentliche Ursache je geklärt wurde.
„Ich kann mich nicht konzentrieren, also habe ich ADHS" ist keine Diagnose. Es ist eine Attribution — und in der Sozialpsychologie hat dieses Muster einen Namen: Self-Handicapping. Man sichert sich vorab eine externe, unangreifbare Erklärung für mögliches Scheitern, bevor man sich der unbequemeren Frage stellt, was tatsächlich dahintersteckt: fehlende Übung, schlechter Schlaf, Prokrastination, schlicht Überforderung — oder eben doch eine behandlungsbedürftige Störung, die es wert ist, sauber abgeklärt zu werden. Ein Etikett, das man sich selbst verleiht, um sich diese Klärung zu ersparen, ist gegenüber echten Betroffenen unredlich. Es ist auch gegenüber sich selbst unredlich, weil es die eigentliche Ursache — und damit jede Chance auf eine passende Lösung — verdeckt, statt sie aufzudecken.
Beide Seiten kommen in meine Praxis. Menschen, die nach Jahren falscher Diagnosen — Depression, Angststörung, „einfach überfordert" — endlich eine Erklärung finden, die zu ihrer Lebensgeschichte passt, oft ausgelöst durch einen Beitrag, der sie zum ersten Mal ernst genommen hat. Und Menschen, die mit einer Selbstdiagnose kommen, die einer sorgfältigen Prüfung nicht standhält, weil das, was sie beschreiben, eher zu einer Angststörung, einem Schlafdefizit, Prokrastination oder schlicht einer belastenden Lebensphase passt. Beide Situationen verlangen dasselbe Vorgehen: keine Bestätigung auf Zuruf, keine Abwehr auf Verdacht — sondern eine Diagnostik, die ernst nimmt, was jemand mitbringt, ohne es unbesehen zu übernehmen.
Als reine Online-Praxis kann ich dabei eine Grenze nicht verschieben: Eine vollständige ADHS-Diagnostik — mit Fremdanamnese, standardisierten Testverfahren und der gebotenen Differenzialdiagnostik — ist per Videosprechstunde nicht seriös zu leisten. Was im Gespräch möglich ist, ist eine erste fachliche Einschätzung, wie wahrscheinlich eine ADHS-bezogene Beeinträchtigung im konkreten Fall ist. Diese Einschätzung ersetzt keine Diagnose. Wo sich der Verdacht erhärtet, verweise ich konsequent an eine Präsenzdiagnostik — genau jene Stelle also, an der die in diesem Text beschriebenen Qualitätsunterschiede entschieden werden.
Eine Diagnose ist kein Gefühl, das man teilt, und kein Etikett, das man sich zur Entlastung anheftet. Sie ist eine Arbeitshypothese, die geprüft werden muss — gerade weil sie etwas verändert, wenn sie stimmt, und weil sie etwas verschleiert, wenn sie es nicht tut.