Es ist ein Wort, das schützt. Nur nicht die Betroffenen.
Burnout ist ein Alltagswort. Wer nach einem langen Arbeitstag erschöpft nach Hause kommt, hat Burnout. Wer die Lust am Job verloren hat, hat Burnout. Wer nach dem Urlaub nicht erholt ist, hat Burnout. Das ist keine Diagnose. Das ist ein Satz — und dieser Satz macht es schwieriger, das wirkliche Problem zu erkennen.
Die Weltgesundheitsorganisation hat Burnout in der ICD-11 unter dem Code QD85 aufgeführt. Der Wortlaut ist eindeutig: Burnout ist ein occupational phenomenon — ein arbeitsbezogenes Phänomen, kein medizinisches Krankheitsbild. Die drei Dimensionen, die die WHO beschreibt — Erschöpfung, zunehmende Distanz zur Arbeit, reduzierte Leistungsfähigkeit —, sind die Beschreibung eines Zustands. Keine Ätiologie, keine Verlaufsprognose, keine Behandlungsleitlinie. Eine eigenständige Burnout-Diagnose existiert nicht.
Wer wegen Burnout eine Krankschreibung braucht, bekommt eine ICD-10-Diagnose: F32 (depressive Episode), F33 (rezidivierende depressive Störung) oder F43 (Reaktion auf schwere Belastungen). Das hat Auswirkungen auf Berufsunfähigkeitsversicherungen und auf die Wahrnehmung durch Arbeitgeber — und trifft Betroffene oft unvorbereitet, weil sie gar nicht wissen, was auf dem Attest steht. Der Begriff Burnout ist gesellschaftlich akzeptiert; was dahintersteht, ist es weniger.
Burnout und Depression überlappen massiv. Bianchi, Schonfeld und Laurent haben gezeigt, dass beide Zustände in Symptomstruktur, Verlauf und biologischen Korrelaten kaum zu unterscheiden sind. Die Abgrenzung bleibt arbiträr.
Was im öffentlichen Diskurs so gut wie nie vorkommt: Bei schweren Verläufen können psychotische Anteile auftreten. Das bedeutet nicht Schizophrenie. Es bedeutet, dass eine schwere depressive Episode — und das ist, was sich hinter einem "Burnout" verbergen kann — wahnhafte Überzeugungen entwickeln kann: nihilistische Gewissheiten, Schuldwahn, in seltenen Fällen Wahrnehmungsstörungen. Diese Verläufe brauchen psychiatrische Behandlung. Nicht Yoga. Nicht zwei Wochen Urlaub. Wer das nicht weiß, ist massiv unterversorgt.
Burnout ist für alle Beteiligten bequemer als das, was er verdeckt. Für Betroffene klingt er akzeptierter als Depression — weniger stigmatisiert, irgendwie als ehrenwerter Raubbau an sich selbst. Für Arbeitgeber ist er ein Geschenk: Burnout impliziert, dass jemand zu viel gearbeitet hat, nicht dass die Arbeitsstruktur krankmacht. Unternehmen investieren in Obstschalen und Meditationsapps und nennen das Burnout-Prävention — solange Deadlines, Erreichbarkeitserwartungen und Unterbesetzung unverändert bleiben, ist das Symptomkosmetik.
In meiner Praxis verwende ich den Begriff als Einstieg, nicht als Endpunkt. Die Fragen, die ich stelle, sind praktisch: Was genau — Erschöpfung, Niedergedrücktheit, Antriebslosigkeit? Wie lange? Was wurde bisher versucht? Schlafsituation? Diese Klärung bestimmt, ob jemand Beratung braucht, Therapie, psychiatrische Behandlung — oder alle drei.
Keine Arbeit ist es wert, dafür krank zu werden. Das klingt simpel. Es ist simpel. Der Widerstand dagegen ist es nicht.