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Standpunkt · Kultur & Identität

Das weite Herz

Wie mich ausgerechnet das Studium einer 3000 Jahre alten Totenkultur zu den Lebenden gebracht hat — eine Spurensuche nach Verhalten und Erleben.
Veröffentlicht am 20. Dezember 2021
Ein Orchideenfach als Kreuzungspunkt

Ägyptologie und Koptologie gelten als Orchideenfächer — selten, blühend, leicht zu übersehen. Was als Randständigkeit durchgeht, ist in Wahrheit eine seltene Konzentration: Kaum eine andere Disziplin zwingt dazu, Philologie, Religionsgeschichte, Philosophie, materielle Kultur und Architektur in einem einzigen Blick zu halten. Anderswo sind das fünf Lehrstühle; hier sind es fünf Zugänge zu einem Gegenstand. Genau diese Bündelung hat mich angezogen. Und sie hat mich, fast gegen die Fachtradition, von den Toten zu den Lebenden geführt.

Erste Frage: Wie hält eine Kultur 3000 Jahre?

Die pharaonische Kultur bestand, mit Brüchen, über rund drei Jahrtausende. Diese Dauer ist kein Naturgesetz, sondern eine Leistung. Jan Assmann hat dafür den Begriff der „konnektiven Struktur" geprägt: Eine Gesellschaft hält zusammen, wenn sie Vergangenheit und Zukunft, Ich und Wir aneinanderbindet. In Ägypten leistete das die Ma'at — ein Ordnungsbegriff, der zugleich Wahrheit, Gerechtigkeit und sozialen Zusammenhalt meinte. Ergänzend beschreibt Assmann das „kulturelle Gedächtnis": jene transgenerationale Erinnerung, die sich über Schrift, Monumente, Rituale und Feste stabilisiert und damit weit über die rund drei Generationen des bloß kommunikativen Gedächtnisses hinausreicht.

Mich interessiert daran weniger der Befund als die Mechanik dahinter. Dauerhaftigkeit ist eine psychologische Leistung. Sie verlangt, dass Menschen Sinn teilen, Normen verinnerlichen, Tod und Wandel bewältigen. Eine Kultur überlebt nicht in Stein, sondern in Köpfen, die den Stein deuten.

Zweite Beobachtung: Wir kennen den Tod besser als den Tag

Es gibt eine merkwürdige Schieflage in der Überlieferung. Wir wissen außerordentlich viel über das ägyptische Jenseits — Gräber, Mumien, Totenbücher — und vergleichsweise wenig über das gewöhnliche Leben. Das ist kein Zufall und keine kulturelle Todesversessenheit, sondern ein Erhaltungs-Bias: Gräber und Tempel wurden aus Stein im trockenen Wüstenrand errichtet, während Siedlungen aus Nilschlammziegeln in der feuchten, bis heute überbauten und bewässerten Flussaue lagen. Der Boden hat den Alltag aufgelöst und das Grab konserviert. Was wir „die Kultur der Toten" nennen, ist zu einem guten Teil ein Artefakt der Geologie.

Diese Einsicht hat meine Perspektive gedreht. Wenn die Quellenlage uns systematisch zum Grab schiebt, dann ist die eigentlich spannende Frage: Wie kommen wir trotzdem an die Lebenden heran — an ihr Verhalten, ihr Erleben?

Dritte Beobachtung: Eine Geschichte von Trennung und Vermischung

Die lange Dauer war keine Monotonie. Sie erzählt ebenso von Abschottung wie von Migration und Assimilation. Die Hyksos, eine Bevölkerung westsemitischer Herkunft, übernahmen in der Zweiten Zwischenzeit von Auaris im Delta aus die Herrschaft über Unterägypten. Die „Zwischenzeiten" selbst sind Phasen politischer Fragmentierung zwischen den stabilen „Reichen". Und am Ende steht die Einverleibung: 30 v. Chr. wird Ägypten römische Provinz. Eine Kultur, die so lange bestand, war nie hermetisch — sie war durchlässig, übersetzte Fremdes und wurde übersetzt. Auch das ist letztlich eine Frage menschlichen Verhaltens: Wie gehen Gemeinschaften mit dem Fremden um, wann grenzen sie ab, wann nehmen sie auf?

Die Wende: Es gibt sie doch, die Lebenden

Der Ort, an dem die Lebenden plötzlich greifbar werden, heißt Deir el-Medina — das Dorf der Arbeiter, die im Neuen Reich die Königsgräber im Tal der Könige anlegten. Hier haben sich Tausende Ostraka erhalten, beschriebene Kalkstein- und Tonscherben, das Notizpapier der Antike: Anwesenheitslisten, Lohnabrechnungen, Krankmeldungen, Streitprotokolle, Liebesbotschaften, Schuldscheine.

Plötzlich hört man keine Götter, sondern Nachbarn.
Das war der Punkt, an dem mich nicht mehr die Toten interessierten — sondern die Lebenden.

Der eindrücklichste Moment ist für mich der erste dokumentierte Streik der Geschichte. Im 29. Regierungsjahr Ramses' III. (um 1157 v. Chr.) blieben die Getreiderationen aus. Nach achtzehn überfälligen Tagen legten die Arbeiter die Werkzeuge nieder, verließen ihren Bezirk und setzten sich vor den Totentempeln fest — festgehalten vom Schreiber Amennacht im sogenannten Turiner Streikpapyrus. Das ist kein Mythos und kein Königsdenkmal. Das sind Menschen, die hungern, sich organisieren und Druck ausüben. Verhalten, beobachtbar über drei Jahrtausende hinweg.

Und das Erleben? Auch dafür gibt es Quellen. Die Ägypter verorteten Denken, Wille und Gefühl nicht im Gehirn, sondern im Herzen, ib.

Die ägyptische Sprache verrät eine ganze Affekttheorie, eingefroren in Redewendungen: Glück hieß Awt-ib — wörtlich „Weite des Herzens"; entfremdet zu sein hieß Xak-ib — „abgeschnittenen Herzens" (Nyord 2009). Das Herz war der Sitz von Denken, Wille und Empfindung. Eine Psychologie, fast viertausend Jahre alt — und sofort verständlich.

Noch näher kommt das „Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba", ein Text der 12. Dynastie: ein Mann, der das Leben als unerträglich erfährt, im Dialog mit seiner eigenen Seele, die ihn vom Tod abhalten will. Über fast viertausend Jahre hinweg spricht hier jemand von Verzweiflung, Sinnverlust und dem Ringen ums Weiterleben — in einer Sprache, die ich in meiner Praxis wiedererkenne.

Die Brücke: Psychologie als Wissenschaft vom Verhalten und Erleben

Genau hier schließt sich der Kreis. Die deutschsprachige Psychologie definiert ihren Gegenstand klassisch als Verhalten und Erleben des Menschen. Der Streik ist Verhalten; das „weite Herz" und der Lebensmüde sind Erleben. Die Ägyptologie hat mir, paradoxerweise über den Umweg der Toten, gezeigt, dass mich am stärksten der lebende Mensch interessiert: wie er handelt, fühlt, deutet, bewältigt — und wie wir das über enorme zeitliche und kulturelle Distanz hinweg überhaupt erkennen können.

Das ist kein Bruch mit dem Fach, sondern seine Konsequenz. Die Geschichtswissenschaft der Gefühle hat gezeigt, dass Emotionen nicht zeitlos, sondern kulturell geformt sind; sie spricht von „emotional communities", Gemeinschaften mit eigenen Gefühlsregeln (Rosenwein 2006). Ägypten ist dafür ein Extremfall: weit genug entfernt, um das Selbstverständliche fremd zu machen, und doch durch Schrift nah genug, um die Menschen sprechen zu hören. Wer verstehen will, wie Menschen ticken, lernt viel von einer Kultur, in der Glück „Weite des Herzens" hieß und ein Verzweifelter mit seiner Seele verhandelte.

Ich sitze heute zu oft Menschen gegenüber, denen eingeredet wurde, dass ihr Innenleben falsch sei — zu laut, zu viel, nicht passend für den Kontext, in dem sie aufgewachsen sind. Und manchmal denke ich an eine Kalksteinscherbe aus Deir el-Medina, auf der jemand notiert hat, dass er heute nicht zur Arbeit kam, weil er mit seiner Frau gestritten hatte. Was als Faszination für eine sehr alte, sehr fremde Welt begann, ist so zu einer Frage an den Menschen schlechthin geworden.

Ich bin über die Gräber gegangen, um bei den Lebenden anzukommen.

Literaturverzeichnis:
Allen, J. P. (2011): The Debate between a Man and His Soul: A Masterpiece of Ancient Egyptian Literature. Brill.
Assmann, J. (1990): Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten. C. H. Beck.
Assmann, J. (1992): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. C. H. Beck.
Bietak, M. (1996): Avaris. The Capital of the Hyksos. Recent Excavations at Tell el-Dab'a. British Museum Press.
Černý, J. (1973): A Community of Workmen at Thebes in the Ramesside Period. IFAO.
Edgerton, W. F. (1951): The Strikes in Ramses III's Twenty-Ninth Year. Journal of Near Eastern Studies, 10(3), 137–145.
Kemp, B. J. (2006): Ancient Egypt. Anatomy of a Civilization. 2. Aufl. Routledge.
Nyord, R. (2009): Breathing Flesh. Conceptions of the Body in the Ancient Egyptian Coffin Texts. Museum Tusculanum Press.
Rosenwein, B. H. (2006): Emotional Communities in the Early Middle Ages. Cornell University Press.